Dem Datum eine Geschichte geben
von J.Menge
Für viele ist der 17. Juni 1953 zunächst nur ein Datum im Geschichtsbuch – kaum mehr als eine Jahreszahl. Dass dahinter eine Geschichte von Mut, Unrecht und zivilem Widerstand steckt, die bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren hat, haben Schülerinnen und Schüler unserer 11. Klasse in den vergangenen Wochen hautnah erfahren. Im Rahmen ihres Geschichtskurses setzten sie sich intensiv mit den Ereignissen des Volksaufstands in Nordhausen auseinander und produzierten ein eigenes Videoprojekt – fachkundig begleitet von der Thüringer Landesmedienanstalt. Beim zentralen Gedenkakt zum 73. Jahrestag im Nordhäuser Ratssaal konnten sie es vor einem hochkarätigen Publikum präsentieren – darunter Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) und Landtagspräsident Thadäus König (CDU).
Im Zentrum ihrer Recherche stand Otto Reckstat, eine der prägenden Figuren des Nordhäuser Aufstands. Als Gewerkschafter und Sozialdemokrat gehörte er zu denjenigen, die im Juni 1953 Arbeiterinnen und Arbeitern dazu bewegten, ihre Tätigkeit niederzulegen und offen gegen das SED-Regime zu protestieren. Der Preis dafür war hoch: Reckstat wurde verhaftet und zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt. Sein Schicksal steht stellvertretend für viele Menschen, die damals den Mut aufbrachten, ihre Stimme zu erheben – obwohl sie wussten, welche Konsequenzen das haben konnte.
Um sich auf das Videoprojekt vorzubereiten, erarbeiteten die Schülerinnen und Schüler zunächst fundiertes Hintergrundwissen zu den Ereignissen des 17. Juni 1953 und zum Alltag in der DDR. Besonders eindrücklich war dabei ein Zweitzeugengespräch mit dem ehemaligen Schulleiter unseres Gymnasiums, Volker Vogt. Die eigenwillige Wortneuschöpfung Zweitzeuge bezeichnet jemanden, der die historischen Ereignisse nicht selbst erlebt hat, aber in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, die von diesen Ereignissen geprägt wurde – und darüber aus persönlicher Erfahrung berichten kann. Volker Vogt, der in der DDR aufwuchs und lebte, gab den Jugendlichen so einen unmittelbaren und persönlichen Zugang zur Geschichte.
Für die Gedenkveranstaltung sprachen die Schülerinnen und Schüler außerdem mit der früheren Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD). Im Gespräch wurde deutlich, wie lange diese Geschichte im Verborgenen geblieben ist: In der DDR wurde der Aufstand offiziell totgeschwiegen, und selbst nach der Wende dauerte es noch Jahre, bis die Erinnerung daran langsam wieder ans Licht kam.
Die Beschäftigung mit diesem Kapitel der Stadtgeschichte hat bei den Jugendlichen sichtbar Spuren hinterlassen. Sie nehmen aus dem Projekt eine Erkenntnis mit, die über den Unterricht hinausgeht: Demokratie und Freiheit sind keine Errungenschaften, die einfach da sind – sie müssen immer wieder aktiv verteidigt und gelebt werden.
Das Gesamtprojekt wurde von Katharina Kempken vom Thüringer Archiv für Zeitgeschichte sowie von Dr. Matthias Wanitschke, Bildungsreferent vom Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur begleitet und angeleitet. Ein großes Dankeschön an alle, die dieses Projekt möglich gemacht haben – und ein außerordentliches Lob an alle Schülerinnen und Schüler, die gezeigt haben, dass Geschichtsunterricht weit mehr sein kann als das Auswendiglernen von Jahreszahlen!
Text und Foto: D. Frisch